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Anlage 3_FND_Sandrasen-Grüner-Weg_Würdigung

                                    
                                        Anlage 3

Stadt Karlsruhe, 76124 Karlsruhe, Umwelt- und Arbeitsschutz

Stadt Karlsruhe | Umwelt- und Arbeitsschutz
Markgrafenstraße 14, 76131 Karlsruhe
Sachbearbeitung: Ulrike Rohde
Telefon: 0721 133-3120
Fax: 0721 133-3109
E-Mail: umwelt-arbeitsschutz@karlsruhe.de
Haltestelle: Kronenplatz
14. Mai 2019

Würdigung für das flächenhafte Naturdenkmal
„Sandrasen am Grünen Weg“
1. Lage, Geologie, Naturraum, Pedologie und Hydrologie
Das flächenhafte Naturdenkmal (FND)„Sandrasen am Grünen Weg“ liegt in Karlsruhe
Neureut - Heide. Begrenzt wird das kleine Schutzgebiet im Nordwesten von der Straße
„Alte Bahnlinie“, im Nordosten von der Wohnbebauung von Neureut-Heide, im Südosten
reicht das Gebiet bis über die Straße „Grüner Weg“ zum FND „Sandgrube Grüner Weg –
West“ und im Südwesten grenzt es an Gartengrundstücke. Nach Westen und Süden
besteht eine unmittelbare Anbindung an das geplante Landschaftsschutzgebiet „Neureuter
Feldflur“.
Das Gebiet ist Bestandteil des Naturraumes „Hardtebenen“ in der Untereinheit „Karlsruher
Hardt“ und somit des sich in Baden - Württemberg von Rheinmünster bis zur Landesgrenze
bei Viernheim erstreckenden Sandbandes. Hier finden sich weitere Sandfelder, teilweise
vom Rhein, teilweise vom Wind ab- und umgelagert. An Barrieren sind die Sande tw. zu
Dünen aufgehäuft. Bei Karlsruhe sind die Sande weitestgehend entkalkt.
Das Schutzgebiet liegt auf der pleistozänen Niederterrasse des Rheins. Diese besteht aus
ursprünglich kalkhaltigen fluviatilen Sanden und Kiesen. Die Niederterrassensedimente sind
teilweise von Flugsand überdeckt, der während der letzten Eiszeit in Form von
Flugsanddecken abgelagert wurde.

Gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier

Die ursprünglich kalkhaltigen Sande und Kiese wurden im Zuge der Bodenbildung ein bis
mehrere Meter tief entkalkt. Als Bodentypen sind vor allem Bänderparabraunerde, in geringerem Umfang auch podsolige Braunerde ausgebildet.
Karlsruhe ist mit einer Jahresmitteltemperatur von 10,3 °C eine der wärmsten Städte
Deutschlands. Die Lage im Oberrheingraben hat zur Folge, dass in Karlsruhe im Sommer
oft eine drückende Schwüle herrscht. In austauscharmen, sommerlichen
Hochdruckwetterlagen besitzt das Schutzgebiet eine hohe Bedeutung für die
Kaltluftproduktion. Durch die ausgleichende Wirkung auf den Tagesgang der
Lufttemperatur trägt das Gebiet zur Verbesserung des Lokalklimas bei.

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Die hohe Wasserdurchlässigkeit und Störungsempfindlichkeit des Sandes erschwert die
Bodenentwicklung, so dass auch im Bereich der „Sandrasen am Grünen Weg“, die in
Teilen immer wieder erheblichem Tritt und anderen mechanischen Störungen ausgesetzt
sind, große Flächen mit Sandrohboden, andere mit ganz geringer Humusbildung
vorhanden sind.
2. Derzeitige Nutzung und Schutzgebietskonzeption
Im Schutzgebiet hat sich nach Aufgabe der landwirtschaftlichen Nutzung durch natürliche
Sukzession ein Mosaik verschiedener Sandbiotope entwickelt. Die Vegetation besteht zu
knapp der Hälfte aus Sandrasen, geringere Flächenanteile nehmen Sandmagerrasen und
Ruderalvegetation trockenwarmer Standorte ein. Eingestreut sind einzelne Gehölzbestände
mit teils sehr markanten alten Kiefern (Pinus sylvestris) und Trauben-Eichen (Quercus
petraea), an der nordwestlichen Gebietsgrenze erstreckt sich eine alte Feldhecke.
Das ehemals ackerbaulich genutzte Gebiet ist seit einigen Jahren aus der regulären
Nutzung entnommen und wird zumindest teilweise als Kompensationsmaßnahme einmal
jährlich gemäht oder gemulcht. Vor allem für die Bevölkerung der umliegenden
Wohngebiete ist das Schutzgebiet ein wichtiges Naherholungsgebiet. Durch das Gebiet
führen ein unbefestigter Sandweg und wenige Trampelpfade.
3. Schutzwürdigkeit
Geschützte Biotoptypen
Im flächenhaften Naturdenkmal „Sandrasen am Grünen Weg“ kommen drei nach § 30
BNatSchG oder § 33 NatSchG geschützte Biotoptypen vor. Es handelt sich dabei um
Feldhecken und mehrere Bestände von Sand- und Sandmagerrasen.
Sand- und Sandmagerrasen auf Flugsanddecken entsprechen zugleich dem Flora-FaunaHabitat (FFH)-Lebensraumtyp [2330] „Dünen mit offenen Grasflächen mit Corynephorus
und Agrostis“. Dies trifft auf einen großen Teil der Bestände an Sand- und
Sandmagerrasen im Gebiet zu.
Die geschützten Biotoptypen und FFH-Lebensräume nehmen über die Hälfte der Fläche des
FND ein. Prägend sind die Sand- und Sandmagerrasen. Sie sind von besonderer naturschutzfachlicher Bedeutung als Lebensraum für eine sandspezifische Flora und Fauna. Die
Vorkommen von Sand- und Sandmagerrasen sind in Südwestdeutschland auf die Nördliche
Oberrheinebene beschränkt. Bebauung und Intensivierung der landwirtschaftlichen
Nutzung haben in den letzten Jahrzehnten einen starken Rückgang ihrer Fläche bewirkt.
Sie zählen daher zu den in Baden-Württemberg stark gefährdeten Biotoptypen.
Im Gebiet zählen die Bestände der Sandrasen zum Vegetationstyp der KleinschmielenRasen. Sie werden hauptsächlich von einjährigen Arten aufgebaut, die an kalkfreie und vor
allem offene Sandböden gebunden sind. Die Bestände zeichnen sich durch das
Vorkommen vieler gefährdeter Arten aus. Auch in den bereits in der Sukzession weiter
fortgeschrittenen Sandmagerrasen sind regelmäßig Arten der Sandrasen beigemischt.

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Flora
Mit dem kleinräumigen Mosaik verschiedener Biotoptypen bietet das Gebiet zahlreichen
Pflanzenarten Lebensraum. Von hoher Bedeutung sind die für Baden-Württemberg gefährdeten oder schonungsbedürftigen Arten der Sand- und Sandmagerrasen. Sie kommen teils
in sehr hoher Individuenzahl vor. Dies gilt vor allem für Frühen Schmielenhafer (Aira
praecox), Kleines Filzkraut (Filago minima), Berg-Sandrapunzel (Jasione montana), Mäusewicke (Ornithopus perpusillus), Bauernsenf (Teesdalia nudicaulis) und Trespen-Federschwingel (Vulpia bromoides).
Besonders hervorzuheben ist das sehr seltene Kahle Ferkelkraut (Hypochaeris glabra). Die
Art ist in Baden-Württemberg stark gefährdet. Sie kommt vor allem in den Sandgebieten
des nördlichen Oberrheingebiets vor und besitzt eine hohe Bedeutung für die Eigenart des
Naturraums.
Avifauna
Die offene bis halboffene Landschaft des flächenhaften Naturdenkmals wird von vielen
Vogelarten als Lebensraum genutzt. Unter den Brutvögeln kommen neben weit
verbreiteten Arten auch Vogelarten mit rückläufigen Bestandeszahlen wie beispielsweise
der Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus) vor.
Die Feldhecken und Gestrüppe sind für zahlreiche Vogelarten als Lebensraum von
Bedeutung, beispielsweise für Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla) und Nachtigall (Luscinia
megarhynchos). Bei ausreichendem Dornenanteil und geringem Anteil von Bäumen
werden sie auch vom Neuntöter (Larius collurio) genutzt, der im Gebiet als Durchzügler
beobachtet wurde.
Weitere, auch seltene und gefährdete Arten können aufgrund der besonderen
Standortverhältnisse als Nahrungsgäste oder Rastvögel erwartet werden. Es ist davon
auszugehen, dass die kurzrasigen offenen Flächen für das in Baden-Württemberg vom
Aussterben bedrohte Braunkehlchen (Saxicola rubetra) oder für die stark gefährdeten Arten
Wiesenpieper (Anthus pratensis) und Baumpiper (Anthus triivialis) attraktiv sind. Die Arten
wurden im benachbarten Gelände (geplantes Landschaftsschutzgebiet „Neureuter
Feldflur“) beziehungsweise dem nahe gelegenen Naturschutzgebiet „Alter Flugplatz
Karlsruhe“ beobachtet (REMKE 2016). Weiterhin können Brachpieper (Anthus campestris)
und Heidelerche (Lullula arborea) als Rastvögel erwartet werden.
4. Biotopverbund
Etwa 800 m vom flächenhaften Naturdenkmal entfernt befindet sich das
Naturschutzgebiet (NSG) „Alter Flugplatz Karlsruhe“, dessen Sand- und Magerrasen zu den
bedeutendsten der Oberrheinebene gehören. In diesem Zusammenhang nehmen die Sandund Sandmagerrasen des FND eine wichtige Rolle für den regionalen Biotopverbund ein.
Zusammen mit dem geplanten Landschaftsschutzgebiet (LSG) „Neureuter Feldflur“, das
zukünftig zwischen dem NSG und dem FND liegen soll, wird eine Anbindung an,
beziehungsweise die Funktion als Trittstein zu den anschließenden Offenbereichen
außerhalb des Stadtgebiets geschaffen. Die Sand- und Sandmagerrasen des flächenhaften
Naturdenkmals bilden daher wichtige Verbindungsstrukturen zu benachbarten

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Sandbiotopen, wie sie beispielsweise auf Brachflächen zwischen Neureut-Kirchfeld und
dem Rosenhof oder bei Eggenstein zu finden sind und gewährleisten damit den Austausch
zwischen den Teilpopulationen.
Ebenfalls von Bedeutung ist das Schutzgebiet für den Verbund von Lebensräumen der
Avifauna. Aufgrund ähnlicher Standortbedingungen des Gebiets und der angrenzenden
Flächen, die zur Ausweisung als Landschaftsschutzgebiet vorgesehen sind, ist davon
auszugehen, dass zwischen den Gebieten enge ökologische Wechselbeziehungen
bestehen. Gemeinsam können diese Schutzgebiete daher zur Stabilisierung der
Populationen von Vogelarten, insbesondere derjenigen des Naturschutzgebietes „Alter
Flugplatz Karlsruhe“ bei.
5. Schutzbedürftigkeit
Für die Erhaltung der wertvollen Sandbiotope sind regelmäßige Pflegemaßnahmen und
Besucherlenkungsmaßnahmen erforderlich. Durch ein Zuwachsen der offenen Fläche
würde sich zudem die Attraktivität als Naherholungsraum verringern. Mit einer
Unterschutzstellung des Gebiets kann die erforderliche Pflege in Form von Mahd und
Gehölzpflege dauerhaft gewährleistet werden. Auch eine Beweidung der Flächen wäre
möglich.
Große Bedeutung für den Fortbestand der wertvollen Fläche wird der Besucherlenkung
zukommen. Vollkommen ungeregelt wird das Gebiet derzeit für unterschiedlichste
Nutzungen von Erholungsuchenden aufgesucht, wobei die vorhandenen
Schutzgegenstände eine hohe Störempfindlichkeit aufweisen. Eine große Bedeutung spielt
hierbei das freie Laufenlassen von Hunden sowie das Fliegenlassen von Drohnen. Während
den Erholungsuchenden zukünftig ein Sandpfad angeboten werden soll, um die Querung
des schönen Gebietes, aber auch die Wahrnehmung der besonderen Atmosphäre zu
ermöglichen, sollen Flugobjekte inkl. Drohnen zum Schutz der Avifauna komplett aus dem
Gebiet verbannt werden. Auch der ungeregelten Garten- und Freizeitnutzung wird durch
die Unterschutzstellung entgegengewirkt.
6. Schutzzweck
Der Schutzzweck des flächenhaften Naturdenkmals „Sandrasen am Grünen Weg“ ist die
Erhaltung und Sicherung der


Arten- und Biotopvielfalt, insbesondere der an trockene und nährstoffarme
Standorte angepassten Sand- und Sandmagerrasen mit seltenen und gefährdeten,
für die Eigenart des Naturraums bedeutsamen Pflanzenarten,

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eiszeitlich entstandenen Flugsanddecken als erd- und landschaftsgeschichtliches
Dokument,



trockenen und kurzrasigen Freiflächen als Lebensraum für Vogelarten,



Biotopverbundfunktionen zum Naturschutzgebiet „Alter Flugplatz
Karlsruhe“, insbesondere der Stabilisierung der Populationen von Arten der Sandund Sand- magerrasen, der Avifauna sowie der FFH-Lebensräume,

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

typischen, durch markante Kiefern und Eichen geprägten Landschaftsbilder.

Im Sinne des Korridorthemas „Meine Grüne Stadt Karlsruhe“ und dem sich hieraus
entwickelten Projekt „Landschaftsschutz am Heidesee“ sind naturpädagogische Projekte
für alle Altersstufen in dem flächenhafte Naturdenkmal zu unterstützen, sofern eine
Beeinträchtigung der ökologischen Gegebenheiten und der Schutzgegenstände vermieden
werden kann. Die Förderung der Akzeptanz naturschutzfachlich wichtiger Aktivitäten ist
ein ausgesprochenes Ziel dieses Schutzgebietes in unmittelbarer Siedlungsnähe.
7. Besondere Verbote
Durch die Ausweisung des flächenhaften Naturdenkmals „Sandrasen am Grünen Weg“
soll der weiteren Zustandsverschlechterung des Gebietes Einhalt geboten werden.
Folgende Regelungen erscheinen erforderlich. Untersagt sollte insbesondere sein:


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



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

Eingriffe in die geomorphologische Struktur, insbesondere auch Bautätigkeiten
jeglicher Art,
die Entnahme von Sand,
die Änderung der Bodengestalt durch Auffüllungen, Abgrabungen, o.ä.,
die Abfallentsorgung, insbesondere Ablagerung von Gartenabfällen, wegen des
damit verbundenen problematischen Nährstoffeintrages und der Gefahr der
Verschleppung von Gartenpflanzen in die freie Landschaft,
sonstige Nährstoffeinträge, u.a. durch Hundekot,
die Bodenversiegelungen oder -verfestigungen, wie z.B. das Anlegen oder
Etablieren von Wegen und Pfaden,
das Errichten baulicher Anlagen, wie Hütten oder Zäune etc.
die Entnahme von Pflanzen und Tieren außerhalb behördlich angeordneter oder
durchgeführter Pflegemaßnahmen,
das Betreten des Schutzgebietes außerhalb der ausgewiesenen Sandpfade,
das Fliegenlassen von Drohnen oder anderen Flugobjekten.

8. Pflege, Entwicklung, Information und Naturschutzbildung
Als am Stadtrand gelegenes Schutzgebiet ist die Vegetation des flächenhaften
Naturdenkmals „Sandrasen am Grünen Weg“ durch menschliche Nutzung stark geprägt.
Um den Zustand des als Wuchsort und Lebensstätte für spezialisierte, seltene Pflanzen und
Tiere hochwertigen Gebietes zu erhalten, die Funktion als Trittsteinbiotop zu optimieren
und um die Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung zu fördern, werden Pflege- und
Erhaltungsmaßnahmen erforderlich. Dies sind z.B.:

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Verhindern der Verbuschung der offenen Sand- und Magerrasen durch
Gehölzentfernung,
Entfernung nicht standortheimischer Gehölze oder Neophyten wie z.B. der
Amerikanischen Traubenkirsche (Prunus serotina) oder der Robinie (Robinia
pseudoacacia),
Öffnen der Vegetationsdecke durch Mahd und / oder gelegentliche punktuelle
manuelle Störung,

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


Entfernen anthropogener Störungen wie Gartenabfälle und
Verhinderung der weiteren ungenehmigten Aneignung der Flächen für gärtnerische
Nutzungen.

Mai 2019, Umwelt- und Arbeitsschutz auf der Grundlage und tw. wörtlich übernommen
von WIEST 2016
9. Literatur und Quellen:
MÜHLBERGER, M. 2004: Grünlandkartierung im Regierungsbezirk Karlsruhe, Stadt Karlsruhe.
Unveröff. Gutachten im Auftrag der Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege.
2004
BREUNIG, TH. & C. WIEST 2016: Naturschutzfachliche Grundlagen für eine
Unterschutzstellung der „Neureuter Feldflur“ in Karlsruhe. Unveröff. Gutachten im Auftrag
der Stadt Karlsruhe, Umwelt- und Arbeitsschutz. 2016
REMKE, P. unter Mitarbeit von A. ARNOLD & M. KRAMER 2016: Artenschutzrechtliche Prüfung zum Bebauungsplan „Zukunft Nord“. Unveröff. Gutachten des Instituts für Botanik
und Landschaftskunde im Auftrag der Stadt Karlsruhe. Entwurfsfassung vom 28. Oktober.
2016
WIEST 2016: Würdigung des geplanten flächenhaften Naturdenkmals „Unterfeld bei
Neureut“. Unveröff. Gutachten des Instituts für Botanik und Landschaftskunde im Auftrag
der Stadt Karlsruhe. 2016